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Vereinfachte Darstellung nach Zustimmung der jeweiligen Parteien* zum „Wir schaffen das!“ von Angela Merkel im Jahr 2015.

* Individuelle Gegenstimmen – welche Politikerin schüttelreimt sich auf „Gnade vor Recht“? – ausgenommen.

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Ich habe drei Probleme. Um ehrlich zu sein, habe ich sogar mehr als drei, aber als Bühnenautor habe ich genau drei, zumindest der Teil meines Bühnenautorendaseins, der kabarettistische und satirische Texte schreibt, und der Teil ist ziemlich groß.

Problem Nummer eins nennt sich Poe’s Law. Das hat nichts mit Edgar Allen Poe zu tun, auch wenn das besser auf eine Lesebühne passen würde, sondern mit einem mittlerweile elf Jahre alten Post in einem Internetforum, das da sagte:

„It is utterly impossible to parody a Creationist in such a way that someone won’t mistake for the genuine article.“ Zu deutsch: Es gibt keine Möglichkeit, Kreationisten zu parodieren, ohne irgendjemanden zu finden, der das, was man sagt, für bare Münze hält.

Und das stimmt. Es ist heutzutage nahezu unmöglich, Satire zu betreiben oder sich über Extremismus lustig zu machen, ohne dass es Idiotinnen und Idioten gibt, die glauben, man meine das alles ernst. In einem Moment stellt man sich auf die Bühne und wünscht sich, dass es Nazis als Kuscheltiere gäbe, und drei Tage später kann man sich bei Amazon einen Plüsch-Lutz-Bachmann kaufen.

Problem Nummer zwei hat leider keinen schmissigen Namen, auch wenn viele Menschen es dem Phänomen linker Selbstzerfleischung zuordnen würden: Die schlimmsten Idiotinnen und Idioten sind manchmal nicht die, gegen die man eingestellt ist, sondern diejenigen, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen sollten wie man selbst: In einem Moment stellt man sich auf die Bühne und trägt einen Text über die grammatischen Probleme des Genderns vor, und keine 24 Stunden später stellt man fest, dass Menschen aus dem Asta der Humboldt-Universität anwesend waren. Wie man das feststellt: Man hat eine anonym versandte E-Mail erhalten, die folgendermassen lautet:

„Der verzeifelte Versuch des AutoriX, patriarchale Strukturen durch Mansplaining und White Knighting aufrecht zu erhalten, offenbart in seinen für heterosexuelle Cis-Männer typischen Mikroaggressionen ebene jene heteronormativen Dicta, die für die Auswüchse des postkolonialen Finanzimperialismus, die Unterdrückung von People of Color und die Gewaltherrschaft über nicht konventionellen Genderklassifikationen genügenden MenschiX in Verantwortung zu ziehen sind.“

Und dann sitzt man da und fragt sich, ob man vielleicht besser in Zukunft zu allem schweigen sollte, oder, wenn man einen besonders schlechten Tag hat, ob es vielleicht besser wäre, sich vor lauter Schuldgefühlen selber zu kastrieren, die Haut schwarz zu färben und sich von einem amerikanischen Polizisten erschießen zu lassen.

Problem Nummer drei ist der Gegenstand des Schaffens an sich: Die moderne Welt. Oder zumindest die Welt an sich, das Problem ist nicht so neu, dass sich nicht schon William Butler Yeats damit auseinandergesetzt hätte:

„Die Welt zerfällt, die Mitte hält nicht mehr, […] die Besten sind des Zweifels voll, die Ärgsten sind von der Kraft der Leidenschaft erfüllt.“

So sieht’s aus. Wir haben Twilight statt Harry Potter, Till Schweiger statt Götz George, Brexit statt Terry Pratchett und Frauke statt Wolfgang Petri, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nicht ein Fortschritt ist, zumindest aus der Perspektive eines heterosexuellen Cis-Manness.

Wir haben Islamismus statt Islam, Populismus statt vox populi, die schwarze Null auf zwei Rädern statt des Nichtnullsummenspiels der Solidarität, und wir haben Beate Zschäpe statt Ulrike Meinhoff, was eindeutig kein Fortschritt aus der Perspektive eines heterosexuellen Cis-Mannes ist.

Es ist still geworden in der unideologischen Mitte, dort wo man nicht alle Lösungen in der kommentierten Neuauflage von Mein Kampf oder der leider immer noch unkommentierten Originalausgabe des alten Testaments findet. Die Besten sind des Zweifels voll, und das ist gut, weil sie nicht an einfache Antworten glauben.

Nur leider sind die Ärgsten von Leidenschaft erfüllt und glauben ihre Antworten zu haben und ihre Schuldigen zu kennen: Die, die nicht so sind wie sie, ob die nun „die da oben“ oder „die Ungläubigen“ oder die sind, die nicht von hier sind. Dick sind sie geworden, die ideologischen Ränder, und dünn die Luft, eng der Raum, in dem man noch im Zweifeln kein Angeklagter ist.

Und hier schließt sich ein wenig der Kreis zu Poe’s Law, denn mich beschleicht manchmal das Gefühl, an den Rändern sind sie alle der Satire auf den Leim gegangen. Um das mal mit aller Deutlichkeit zu sagen: 1984 ist kein Handbuch für sichere, stabile Staaten. Das europäische Klischee vom der dummen amerikanischen Kapitalistensau ist keine notwendige Bedingung für einen Präsidentschaftskanditaten. Ein Putschversuch ist kein Anlass, eine Diktatur einzurichten. Die Angst davor, dass der Russe kommt, ist kein Grund, in andere Länder einzumarschieren. Actionfilme aus den Achtzigern sind keine Inspiration für einen Tatort im Jahr 2016. Barbie ist kein Musterbeispiel einer attraktiven Figur. Schlechte Karrikaturen über mordende Islamisten sind keine bebilderten Bedienungsanleitungen. Dieter Bohlen ist keine vertrauenswürdige Instanz zur Beurteilung der Qualität von Musik. Dass niemand mehr in Brandenburg leben will ist kein Anlass zur Fremdenfeindlichkeit. Menschen, die Videos bei Youporn posten, sind keine Vorbilder für sexuelle Beziehungen. Die Möglichkeit zur weltweiten Kommunikation in Echtzeit ist kein Zwang, zu allem seinen Senf abzugeben. Die Anzahl nackter Menschen auf einer Bühne ist kein Maßstab für ein gutes Theaterstück. Anonymität ist kein Synonym für Menschenverachtung. Die Gedanken sind frei, ja, aber Freiheit ist keine Freiheit von Verantwortung.

Und Satire ist Überzeichung. Eine Aufforderung, innezuhalten und sich zu fragen, wohin das alles führen könnte. Sie ist keine Herausforderung, das alles herbeizuführen. Keine Blondine würde einen Blondinenwitz hören und sich herausgefordert fühlen, dümmer zu werden.

Also, liebe Welt, nimm dir ein Vorbild an Blondinen. Sie sind klüger, als man denkt.

 

02.08.2016

Ich kannte sie nicht.
Ihren Tod verfolgte ich im Fernsehen
Und doch berührte es mich,
dieses beiläufige Vergehen
eines Lebens, der starre Blick einer Toten
für Til Schweigers Einschaltquoten.

Isabella Schoppenroth ist verstorben. Astan hat Isabellla Schoppenroth erschossen. Eine Frau, die so bedeutend für die Handlung war, dass man ihren Nachnamen immer gleich mit dazu erwähnen muss. Sonst könnte der geneigte Zuschauer ja denken, Astan hätte Isabella Meier erschossen, die Kassierin bei Netto, oder Isabella die Erste von Kastilien. Vielleicht hätten die Charaktere in ihren Dialogen sogar mehr ins Detail gehen müssen – Astan hat Isabella Schoppenroth, die Ex-Frau von Nick Tschiller und Mutter ihrer gemeinsamen Tochter Leonora Tschiller-Schoppenroth, erschossen.

Isabella Schoppenroth ist tot. Isabella Schoppenroth war an sich kein Charakter, Isabella Schoppenroth war eine narrative Funktion. Isabella Schoppenroth reiht sich ein in die glorreiche Tradition weiblicher Rollen, die in Kühlschränke gestopft werden, damit der natürlich männliche Held endlich mal die Hände vom Sack nimmt und seinen unermüdlichen, unerbittlichen Rachefeldzug gegen das Böse antreten kann, an dessen Ende er – moralisch integer wie er ist – seinen Antagonisten am Leben lässt. Nachdem er knapp hundert von dessen Handlangern getötet hat. Bis besagter Antagonist ein verstecktes Messer zieht und wir, als Zuschauer, uns freuen können, dass die Vergeltung guten Gewissens nur in Notwehr erfolgt ist. Oder, im Falle von Nick Tschiller, den kurdischen Antagonisten einfach an die Türkei auszuliefern, auch eine Form rechtlich einwandfreier Rache.

Isabella Schoppenroth ist eine dreizehn Jahre alte Russlanddeutsche, die dermaßen von den Medien eines lupenreinen Demokraten mißbraucht wird, dass ich mich manchmal frage, ob Berlin die neue Krim werden soll.

Isabella Schoppenroth hat am Kölner Hauptbahnhof Silvester gefeiert, so dass man am Stammtisch und bei Familienfeiern endlich wieder sagen kann, „Wir müssen doch unsere Frauen schützen“, und das, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden. Dank Isabella Schoppenroth sind Frauen endlich wieder unsere Frauen, definiert durch ein besitzanzeigendes Fürwort, und das völlig ironiefrei.

Am 7. Januar diesen Jahres waren die drei meistgelesenen Artikel bei Spiegel Online „Interner Polizeibericht zu Kölner Silvesternacht“, „Sexuelle Belästigung“ und „Dakota Johnsons Kleiderpanne bei Preisgala“, oder, um das neue Sexistische Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zusammenzufassen, „die Sandneger vergewaltigen unsere Frauen, da müsssen wir – oh, Titten!“

Isabella Schoppenroth geistert durch die Facebook- und Twitter-Accounts der Bürgerwehren, patriotischen Europäer und Alternativen für Deutschland wie Helena durch die Illias. Das Gesicht, das nicht tausend Schiffe bewegte, aber 2015 über tausend Anschläge auf Asylbewerberheime verursachte, ohne dass irgendjemand daran erinnern kann, wie sie eigentlich aussieht, oder sich nach dem Krieg dafür interessiert, was aus ihr geworden ist.

Isabella Schoppenroth servierte, bevor sie in Köln war, Horst Seehofer auf dem Oktoberfest Bier und musste sich tief ins Dirndl blicken lassen, damit dieser einen Rechtsstaat bekommt, der, Zitat, „Biss hat, der Zähne hat“. Und ich frage sich, ob er den gleichen Rechtsstaat meint, dem er 1997 nicht erlauben wollte, Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand anzuerkennen.

Isabella Schoppenroth ist Ophelia, mißbraucht von ihren Vater, benutzt von Hamlet, instrumentalisiert von dessen Mutter und seinem Onkel, unehelich schwanger in ein nasses Grab getrieben, damit ihr Bruder Laertes einen Grund hat, Rache zu üben an allen, für die sie schon vor ihrem Tod Requisit und nicht Mensch war.

Isabella Schoppenroth ist eine Figur, die ihren Zweck erfüllt hat, sie hat Nick Tschiller eine Tochter ausgetragen, sie gestillt, aber nach der Pubertät sind Mütter ja irgendwie nutzlos, also kann sie Nick Tschiller als seine Ex-Frau nochmal ein paar elementare Botschaften mitgeben – beschütze deine Tochter mit Gewalt, Ex-Frauen warten geduldig darauf, dass ihre Ex-Männer sie küssen – und dann bitte verschwinden. Und wie ein Reitpferd nach dem Gnadenschuss, aus dem sich immerhin noch Seife herstellen lässt, darf sie ein allerletztes Mal nützlich sein, bevor sie nie wieder erwähnt wird.

Isabella Schoppenroth ist auch in diesem Text Mittel zum Zweck. Sie muss einstehen für die viel zu hohe Zahl an Gewaltopfern, die ich kenne, für Menschen, die benutzt worden sind, für Menschen, die ich liebe; für Menschen, die alle nicht hier auf der Bühne erschossen werden müssen, damit ich wütend bin.

Isabella Schoppenroth ist tot, und in ihrem Tod lautet die perfide Botschaft, dass wir Barbaren sein dürfen, wenn wir nur persönlich genug betroffen sind, daß die Regeln nicht mehr gelten, wenn wir wütend genug sind oder Angst genug haben. Dann darf Nick Tschiller zur Panzerfaust greifen und Kurden wie Russen vermöbeln, dann dürfen wir Grenzen dicht machen und Handgranaten auf Asylbewerberheime werfen.

Isabella Schoppenroth ist tot, weil ihr Mann ein unzivilisiertes Arschloch war und ein anderes unzivilisiertes Arschloch sie erschossen hat, und unzivilisierte Arschlöcher gibt es immer noch viel zu viele. Tun wir Isabella Schoppenroth wenigstens einen Gefallen – lassen wir sie nicht auch noch als Ausrede dienen, wieder unzivilisierte Arschlöcher sein zu dürfen.

Dearest readers,

April is coming up, snow is coming down here in Berlin, and I’ll be part of the following events over the next few weeks:

Thursday, April 2: OWUL. The literary stage with oration and oracle. Further information here.

Tuesday, April 7: Dichtungsring. The poetry stage with rhyme and reason. Further information here.

Thursday, April 9: Laut Los Zweifeln. An evening with Thomas Manegold and Yours Truly in Leipzig. Further information here.

Friday, April 24: DICHT.IT-Slam. The poetry slam with truth and trailer (see below). Further information soon to be found here.


 


 

Liebste Leserle,

der April naht, in Berlin fällt Schnee, und ich werde in den kommenden Wochen bei folgenden Veranstaltungen mit dabei sein:

Donnerstag, 2. April: OWUL. Die Lesebühne mit Oration und Orakel. Weitere Infos hier.

Dienstag, 7. April: Dichtungsring. Die Lyriklesebühne mit Reim und Räson. Weitere Infos hier.

Donnerstag, 9. April: Laut Los Zweifeln. Ein Abend mit Thomas Manegold und meiner Wenigkeit in Leipzig. Weitere Infos hier.

Freitag, 24. April: DICHT.IT-Slam. Der Poetry Slam mit Wahrheit und visueller Werbung (siehe oben). Weitere Infos in Kürze hier.

…if not the care of the reaper man?

It was this sentence that got me hooked on Terry Pratchett, nearly fifteen years ago. Other sentences followed, paragraphs and pages of brilliant wit, of a razor sharp intellect, the writings of a man who took his anger and created something beautiful with it.

Terry Pratchett wrote comedy – hilarious, truly funny comedy. That is already a very difficult thing to do, but he also wrote some of the most serious comedy I ever read; especially in writing on death and loss, he was able to make me laugh and cry at the same time. And he did all that in a genre that is more often than not frowned upon by the grown-ups.

The Discworld, this silly little fantasy world, was one of the most polished mirrors of the world we live in ever conceived. It was and is much needed, and though it can’t grow anymore, it will live on, I hope – with the help of friends who recommend Terry’s books, of parents who read them to their children, of readers with fond memories who pick them up again after years and discover something new in them, and themselves.

It is not easy to write about the death of someone I never met, and it is strange to feel so sad about this loss. The price of our new social connections is that we sometimes feel closer to people than we actually are, and the sadness of Neil Gaiman, the strength of Rhianna Pratchett, the grief of millions of others who simply loved his books, just as I did, is something that hits so much harder in today’s world.

It is also less lonely.

When Terry Pratchett was knighted, the motto he chose was Noli Timere Messorem. Don’t fear the reaper. I try, Terry, and I try to pass on this lesson. Thank you for it, and for a thousand other words, for moments of joy and sorrow, and for sharing your wisdom. It will be missed.

Goodbye, Sir Terence David John Pratchett. I hope he took good care of you.

Dearest readers,

March has already begun, I know. Two strands of strep toured through the microcosmos of our little family and left me little time for anything else but nursing duty.

Things that will happen in March:

On Thursday, March 5, we, the members of the literary stage OWUL, will once again face deep questions and pretend to know the answers. Join us here.

On Wednesday, March 11, brillant slam and spoken word artists Clint Lukas, Karsten Lampe, Robert Rescue and Paul Weigl will perform at the MundWerk6 Spoken Word Gala. Watch and weep tears of joy here.

On Thursday, March 12, I’ll be joining the line-up of the Ackerslam Poetry Slam, something I should do way more often. See here.

And on Friday, March 27, the DICHT.IT Poetry Slam and I will once again be the delighted hosts for Berlin’s most amazing poets, storytellers and spoken word artists. No further information than that (for now) here.

As always, other events may spontaneously be added to the list.

On a completely unrelated note, game developer Frontier Developments was kind enough to mention a piece I wrote on Elite: Dangerous in one of their newsletters. Those with an interest in space simulations and game design philosophy might find it worth their time.

Live long and prosper, everyone,
Matthias


Liebste Leserle,

Ich weiß, der März hat schon angefangen, aber zwei Streptokokkenstränge sind durch den Mikrokosmos unserer kleinen Familie getourt und haben mir wenig Zeit für anderes als Pflegedienstleistungen gelassen.

Dinge, die im März geschehen werden:

Am Donnerstag, den 5. März, werden wir, die Mitglieder der Lesebühne OWUL, uns ein weiteres Mal mit schwierigen Fragen beschäftigen und so tun, als wüssten wir die Antworten. Besucht uns hier.

Am Mittwoch, den 11. März, werden die genialen Spoken Word- und Poetry Slam-Künstler Clint Lukas, Karsten Lampe, Robert Rescue und Paul Weigl bei MundWerk6 Spoken Word Gala auftreten. Schauet hier und bringt genug Freudentränen mit.

Am Donnerstag, den 12. März, werde ich im Wettbewerb des Ackerslams stehen, etwas, das ich viel öfter tun sollte. Näheres hier.

Und am Freitag, den 27. März, werden der DICHT.IT Poetry Slam und ich ein weiteres Mal die stolzen Gastgeber für Berlins bezauberndste Poetinnen und Poeten, Geschichtenerzähler_innen und Spoken Wordix sein. Nichts Näheres (bis jetzt) hier.

Spontane Auftritte können sich wie immer noch zu dieser Liste hinzugesellen.

Ganz nebenbei: Die Videospielentwickler von Frontier Developments waren so freundlich, einen Beitrag, den ich über Elite: Dangerous geschrieben habe, in einem ihrer Newsletter zu erwähnen. (Beides nur auf Englisch.) Diejenigen unter Euch mit einem Interesse and Weltraumsimulationen und der Designphilosophie von Videospielen können gerne einen Blick darauf werfen.

Lebt lang, und in Frieden,
Matthias

Dearest readers,

February is coming up, and this is what I will be doing (among other things):

On Tuesday, February 3, the Dichtungsring Poetry Stage will be celebrating its 4th birthday. As co-host, I would like to cordially invite everyone to join us in the celebrations. Further information here.

On Thursday, February 5, the literary stage OWUL will deal with issues past, present and future and answer any and all questions you can throw at us. Further information here.

On Wednesday, February 11, the wonderful poetry slam artist Christian Gottschalk will team up with Thomas Franz at the Grüner Salon. (Further information here.) Join me in watching them and become a proud member of the Society of Friends of Coin-operated Telescopes.

And on Friday, February 27, the DICHT.IT Poetry Slam will turn 6! The host – that’s yours truly – would be delighted at your presence. Further information here.

As always, spontaneous appearances on poetry slam and other stages can not be foreseen, but shall be announced as soon as yours truly knows of them.

See you around,
Matthias


Liebste Lesende,

der Februar naht, und ich werde (unter anderem) mit folgenden Dingen beschäftigt sein:

Am Dienstag, den 3. Februar, feiert die Lyrik-Lesebühne Dichtungsring ihrem 4. Geburtstag. Als Co-Moderator, möchte ich an dieser Stelle alle wärmstens zu den Feierlichkeiten einladen. Weitere Informationen hier.

Am Donnerstag, den 5. Februar, beschäftigt sich die Lesebühne OWUL mit den Fragen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und allen sonstigen, die Ihr uns an den Kopf werft. Weitere Informationen hier.

Am Mittwoch, den 11. Februar, tut sich der wundervolle Poetry Slammer Christian Gottschalk mit Thomas Franz im Grünen Salon zusammen. (Weitere Informationen hier.) Schaut sie Euch mit mir zusammen an und werdet stolze Mitglieder der Vereinigung der Freunde des Münzfernglases.

Und am Freitag, den 27. Februar, wird der DICHT.IT Poetry Slam sechs Jahre alt! Dem Gastgeber – das bin ich – wird das Herz über Eure Anwesenheit aufgehen. Weitere Informationen hier.

Wie üblich sind spontane Auftritte auf Slam- und anderen Bühnen kaum vorhersehbar, werden aber verkündet, sobald ich selber davon Kenntnis erlangt habe.

Bis dann und dort,
Matthias

(deutsche Originalversion unten / German original below)

I didn’t sleep a lot the night after the Paris murders. That’s never a good idea when you have three school kids, but the Paris murderers were, Allahu Akbar, considerate enough to wait until after the winter holidays, giving me time to write a piece about it instead of watching Frozen for the tenth time.

I didn’t sleep because I had to fight a rather unusual state of mind: I had lost a good part of my sense of humor. That might be the usual state of mind for a lot of people, but for me it’s a sign to have myself instutionalized. Although, the one time I did that, I went to the receptionist’s desk at the psychiatric ward of the Berlin Charité hospital, said, „Hello, I kind of fear that -,“ hesitated, and before I could stop hesitating and finish my sentence with „I might myself,“ the receptionist answered, cheerfully, „Fear? The anxiety group meets every Tuesday!“

I had to smile at that. I seemed kind of wrong in that moment, but in hindsight it was the first step towards recovery.

Twelve people died on Wednesday. That isn’t something special. People die every day, often enough by other people’s hands. They might die from failure to act, they might die from negligience or indifference, they might even die from ideological idiocy, like Charlie and its authors and the police officer who held islamic beliefs. So much for god not having a sense of irony.

That is not a reason to lose my sense of humor most of the days. It might get more tasteless, and not everyone likes that, but in that case I don’t do it for the entertainment value, it’s part of my soul’s immune system.

I wasn’t alone with that feeling on Wednesday. Der Postillon? Bitter and without humor. The Onion? Asked the very reasonable question what kind of world we live in where you risk your life doing satire. The Titanic, at least, proved once again that it has balls that drag on the ground and the sense of humor a retarded school kid.

I often step on the toes of other people with my writings. A lot of other people. I am not prejudiced in any way, I can step on toes of color and on toes of no color at all, as long as they commit idiocies. Most of the time, they are european whites of the german persuasion, but the reason for that is that one has to clean up one’s own front yard at first. I like making fun of the United States, sure, a country so free that even toddlers may own and bear guns before they can say „Mommy“. Something they don’t even have to learn anymore afterwards. But that doesn’t save any German kid from being run over by the freedom of speed limits.

People whose toes I’ve stepped on can say „ouch“. Or „Booh!“. On reddit, twitter, facebook, my personal blog, even to my face. Although booing isn’t allowed at poetry slams, only ouching, else you might hurt the poets‘ religious feeliings.

What those people are not allowed to do is shoot me. Like my colleagues at The Onion, I’m kind of surprised that I have to spell that out. It’s the main reason for my insomnia. Shooting people is forbidden. Except in self defense.

And no, dear islamists, that was not self defense. German law is quite clear: Self defense is the necessary defense to avert an illegal attack on yourself or others that’s happening right now.“ (Own, simply phrased translation.) Mohammed is dead. I cannot attack him right now. And even if I could insult his honor, that precious little piece of individual rights, you wouldn’t need an assault rifle to thwart this attack.

The image of me sitting in my publisher’s office when someone with an axe to grind and a gun to wield comes in to blow my head of doesn’t scare me much. Only for my boss who kind of looks like me. And my other colleagues. And my audiences. What it does is making me angry, angry that I have to make room for that ridiculous image in my head.

But neither anger nor fear nor insomnia are constructive in times like these. Speechlessness isn’t either. I can’t hold up a pen for five minutes here, this isn’t a very visual medium.

I am not Charlie. The risk of confusing is rather low, with me sitting in Berlin, alive, while it’s dead in some Paris morgue and, counting on Allah’s very proprietory sense of humor here, waiting for his 72 virgins, martyr of freedom that it was.

I’m a satirist, some people say, mainly because it’s a better marketing claim than critical rationalist or humanist. That means that I often criticise religion, because I criticize every kind of ideology and I don’t understand why one kind should have any special status among them. I don’t have to, a lot of people say. Live and let live, they say. That’s right, I say right now, on Wednesday, twelve people let their lives for that.

Let’s celebrate them. Let’s celebrate the fact that more or less trained extremist couldn’t find a worthier target in France – a nuclear power with an Eiffel tower and a handsome Nazi crone – than a rather unknown satirist magazine. Marine Le Pen wants to get rid of all of us? Who cares! Those guys drew pictures of Mohammed! The prophet Mohammed, just to be clear, not one the other 150 million Mohammeds.

Let us celebrate them. Let’s celebrate this attack as the first terror attack that did not spread fear and terror but spoke of fear and terror. As extremism’s literal suicide attack. I do not fear your soldiers and weapons, your politicians and institutions, extremism screamed in desperation, I fear your freedom of speech!

Let us celebrate them, because extremism got it right. There is nothing more awesome than criticizing politicians, not clearing interviews with interviewees, calling Helmut Kohl a pear and catholic priests child molesters, all the right wing idiots nazis, calling nazis nazis, calling East Germany fascist and Mohammed a dried up old pig fart.

Thank you for reminding us what’s at stake. Thanks for reminding us that this freedom is not free (fuck yeah!) and will never be but require constant courage and a certain lack of respect.

Thank you for showing yourselves as you really are. You had me scared for a little while there. My mistake, not yours. I kind of forgot that you do not defend freedoms, freedoms defend us.

Thank you for showing us how to win the war on any kind of terror.

With humor.


Ich habe in der Nacht zu Donnerstag nicht viel geschlafen, was keine gute Idee ist, wenn man drei Schulkinder hat, aber die Mörder von Paris waren, Allahu Akbar, immerhin so rücksichtsvoll, bis nach den Ferien zu warten, so dass ich Zeit hatte, einen Text darüber zu schreiben, statt mir das zehnte Mal die Eiskönigin angucken zu müssen.

Ich war die ganze Nacht wach, weil ich gegen etwas ankämpfen musste, das bei mir eher selten auftritt: Mein Humor war mir ein Stück abhanden gekommen. Das ist zwar für viele Menschen ein Grundzustand, bei mir hingegen eher ein Einweisungsgrund. Wobei, als ich mich das eine Mal in meinem Leben akut depressiv selbst eingewiesen habe, ging ich zur Rezeption in der Psychiatrie der Charité und sagte, „Hallo, ich habe Angst –“, und bevor ich das Zögern überwinden und „mir etwas anzutun“ sagen konnte, unterbrach mich die freundliche Krankenschwester mit einem heiter bis freundlichen: „Angst? Die Angstgruppe ist immer Dienstag!“

Da musste ich tatsächlich lächeln, was mir in dem Moment unangemessen vorkam, aber im Nachhinein war es der erste Schritt zur Besserung.

Am Mittwoch sind zwölf Menschen gestorben. Das ist nichts besonderes. Menschen sterben jeden Tag, viel zu oft durch andere Menschen – sei es durch deren Untätigkeit, durch Fahrlässigkeit, durch Ignoranz, ja, sogar durch ideologische Idiotie wie im Fall von Charlie Hebdo und seinen Autoren und einem Streifenpolizisten, der, so viel Ironie kann auch nur der unergründliche Wille Gottes aufbringen, muslimischen Glaubens war.

Das ist für mich normalerweise kein Grund, meinen Humor zu verlieren. Er wird dadurch höchstens geschmacksloser, was nicht jedermanns Sache ist, aber in dem Falle dient er auch nicht zu Unterhaltungszwecken, sondern als Immunsystem für meine Seele.

Mittwoch ging es aber nicht nur mir so. Der Postillon? Bitter bis humorlos. The Onion? Stellt ebenso bitter die berechtigte Frage, was es denn für eine Welt ist, in der man sich nicht sicher sein kann, ob man sein Leben mit Satire riskiert. Die Titanic? Okay, zumindest die Titanic mal wieder unter Beweis gestellt, daß sie megadicke Eier und den Humor eines minderbemittelten Grundschülers hat.

Ich trete in meinen Texten ständig Leuten auf die Füße. Allen möglichen Leuten. Ich habe keine Vorurteile, ich kann Leuten of Color genauso auf die Füße treten wie Leuten ohne Color, Hauptsache, sie begehen Dummheiten. Das sind zugegeben, bevorzugt europäische weiße deutscher Nation, aber das liegt daran, daß ich selber einer bin, und man ja immer zuerst sein eigenes Haus aufräumen soll. Nicht, dass ich nicht gerne Witze über die Vereinigten Staaten mache, wo sogar Kleinkinder das Recht haben, eine Schußwaffe zu besitzen und zu tragen, bevor sie Mama sagen können. Was sie dann praktischerweise auch nicht mehr lernen müssen. Aber davon werden auch nicht weniger Kinder in Deutschland durch freie Fahrt für freie Bürger überfahren.

Wer sich von meinen Texten auf die Füße getreten fühlt, darf gerne Aua sagen. Oder Buh. Auf Reddit, Twitter, Facebook, meinem Blog, meinetwegen sogar persönlich, aber auf Poertry Slams bitte nur Aua, denn da darf man nicht Buh rufen, weil das die religiösen Gefühle der Poeten verletzt.

Was man nicht darf, ist mich erschießen. Ähnlich wie meinen amerikanischen Kollegen bei The Onion bin ich, und hier liegt der Hauptgrund meiner Schlaflosigkeit, total baff, dass ich das überhaupt extra erwähnen muss. Leute Erschießen ist generell verboten, außer in Notwehr.

Und bevor sich jetzt der oder die eine oder andere Islamistix im Publikum auf Notwehr beruft: „Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff auf sich oder andere abzuwehren“, § 32,2 StGB. Mohammed ist tot, den kann ich gegenwärtig gar nicht mehr angreifen, und selbst wenn ich seine Ehre als schützenswertes Individualrechtsgut auf irgendeine Weise beschmutzen könnte, wäre kein Sturmgewehr erforderlich, um diesen Angriff abzuwehren.

Die Vorstellung, dass ich in meinen Verlag sitze und irgendein Mensch mit Wut im Bauch und Waffe in der Hand seinen Frust an mir ablassen könnte, macht mir selbst keine sonderliche Angst. Höchstens um meinen Chef, weil der mir so ähnlich sieht. Oder um meine anderen Kolleginnen und Kollegen. Oder um das Publikum bei Slams und Lesebühnen. Was sich in mir stattdessen breit macht, ist keine Angst, sondern Wut, dass ich für diese lächerliche Vorstellung Platz in meinem Kopf verschwenden muss.

Aber Wut ist genauso wie Angst und Schlaflosigkeit keine konstruktive Lösung. Sprachlosigkeit erst recht nicht, ich kann ja schlecht fünf Minuten einen Stift hochhalten. Ein Blog ist kein visuelles Medium.

Ich bin nicht Charlie. Ich sehe auch keine Verwechslungsgefahr, da ich lebendig in Berlin sitze statt tot in einem Pariser Leichenschauhaus vor mich hin seziert zu werden und, falls Allah Sinn für Humor hat, als Märtyrer der Meinungsfreiheit auf meine 72 Jungfrauen im Paradies warte.

Ich bin Kabarettist, sagen manche, wahrscheinlich, weil es ein besseres Marketingschlagwort als kritischer Rationalist und Humanist ist. Als all das bin ich in meinen Texten oft religionskritisch, weil ich allen Ideologien kritisch gegenüber stehe und nicht verstehe, warum eine Sorte Ideologie Sonderstatus genießt. Das muss nicht sein, sagen viele. Leben und Leben lassen, sagen viele. Stimmt, kann ich da nur sagen, Mittwoch haben zwölf Menschen dafür ihr Leben gelassen.

Lasst sie uns feiern. Lasst uns feiern, dass es für Extremisten mit einer offensichtlich ganz anständigen militärischen Ausbildung in ganz Frankreich – in einer Atommacht mit Eiffelturm und einer recht attraktiven Nazibraut – kein lohnenswerteres Ziel zu geben scheint als ein obskures Satiremagazin. Marine Le Pen will uns alle loswerden? Scheiß drauf! Die Typen haben Bilder von Mohammed gemalt! Von dem Propheten, wohlgemerkt, nicht von einer der anderen 150 Millionen Mohammeds.

Lasst sie uns feiern. Lasst uns diesen Anschlag feiern als den ersten Terroranschlag, der nicht Angst und Schrecken verbreitet, sondern von Angst und Schrecken kündet. Als das wahre Selbstmordattentat des Extremismus. Ich fürchte mich nicht vor euren Soldaten und Waffen, vor euren Politikern und Institutionen, brüllt der Extremismus verzweifelt, ich fürchte mich vor eurem Recht auf freie Meinungsäußerung!

Lasst sie uns feiern, denn Recht hat er, der Extremismus. Es gibt nichts Geileres, als Politikerinnen und Politiker kritisieren zu können, Interviews nicht freigeben zu lassen, Helmut Kohl eine Birne nennen zu dürfen, katholische Priester Kinderficker, PEGIDA Nazis, AfDler Nazis, Nazis Nazis, die DDR faschistisch und Mohammed eine vertrocknete Schweinenase.

Schön, dass uns mal jemand daran erinnert, worum es hier eigentlich geht, darum, dass diese Freiheit auch hier nicht selbstverständlich ist und nie sein wird, sondern Mut und Respektlosigkeit erfordert.

Schön, dass ihr Euch endlich selbst entlarvt habt, denn eine Zeitlang habt ihr mir Angst gemacht. Mein Fehler, nicht Eurer, ich hatte vergessen, dass man Freiheiten nicht verteidigen muss, sondern die Verteidigung sind.

Schön, dass uns mal jemand zeigt, wie der Krieg gegen welchen Terror auch immer zu gewinnen ist.

Mit Humor.

… My Current State Of Joshing Gentle Peevishness For The Awesome And Terrible Majesty Of The Towering Seas Of Ire That Are Themselves The Milquetoast Shallows Fringing My Vast Oceans Of Wrath.

– Iain M. Banks, „The Hydrogen Sonata“

by Francisco J. Olea

Tribute to Charlie Hebdo by Francisco J. Olea.

 

 

Dear readers,

A happy new year to all of you! I know I’m kind of late, but with the Christmas and the New Year’s Eve and the Winter holidays, family had a rather higher priority than the internet.

Be safe out there, be kind, and have fun in 2015!

For now, my regular stage appearances will remain the same as in 2014. (see below)


 

Liebe Lesewesen!

ein frohes neues Jahr Euch allen! Ich weiß, ich bin etwas spät dran, aber mit all dem Weihnachten und Neujahr und den Ferien hatte die Familie Vorrang vor dem Internet.

Passt auch 2015 auf Euch auf, seit gütig und habt Freude!

Meine regulären Auftritte bleiben wie auch 2014:


 

DICHT.IT Poetry Slam (host)
every 4th Friday of the month / am vierten Freitag der Monate
Next event: January 23, 2015
Location: Laika, Berlin Neukölln

Dichtungsring Poetry Reading Stage (co-host with Arno Wilhelm)
on a Tuesday every 2nd month / an einem Dienstag jeden zweiten Monat
Next event: February 3
Location: Laika, Berlin-Neukölln

OWUL Reading Stage (co-host with Marien Loha and Thomas Manegold)
every 1st Thursday of the month / am ersten Donnerstag der Monate
Next event: January 8, 2015
Location: Z-Bar, Berlin Mitte