Ich kannte sie nicht.
Ihren Tod verfolgte ich im Fernsehen
Und doch berührte es mich,
dieses beiläufige Vergehen
eines Lebens, der starre Blick einer Toten
für Til Schweigers Einschaltquoten.

Isabella Schoppenroth ist verstorben. Astan hat Isabellla Schoppenroth erschossen. Eine Frau, die so bedeutend für die Handlung war, dass man ihren Nachnamen immer gleich mit dazu erwähnen muss. Sonst könnte der geneigte Zuschauer ja denken, Astan hätte Isabella Meier erschossen, die Kassierin bei Netto, oder Isabella die Erste von Kastilien. Vielleicht hätten die Charaktere in ihren Dialogen sogar mehr ins Detail gehen müssen – Astan hat Isabella Schoppenroth, die Ex-Frau von Nick Tschiller und Mutter ihrer gemeinsamen Tochter Leonora Tschiller-Schoppenroth, erschossen.

Isabella Schoppenroth ist tot. Isabella Schoppenroth war an sich kein Charakter, Isabella Schoppenroth war eine narrative Funktion. Isabella Schoppenroth reiht sich ein in die glorreiche Tradition weiblicher Rollen, die in Kühlschränke gestopft werden, damit der natürlich männliche Held endlich mal die Hände vom Sack nimmt und seinen unermüdlichen, unerbittlichen Rachefeldzug gegen das Böse antreten kann, an dessen Ende er – moralisch integer wie er ist – seinen Antagonisten am Leben lässt. Nachdem er knapp hundert von dessen Handlangern getötet hat. Bis besagter Antagonist ein verstecktes Messer zieht und wir, als Zuschauer, uns freuen können, dass die Vergeltung guten Gewissens nur in Notwehr erfolgt ist. Oder, im Falle von Nick Tschiller, den kurdischen Antagonisten einfach an die Türkei auszuliefern, auch eine Form rechtlich einwandfreier Rache.

Isabella Schoppenroth ist eine dreizehn Jahre alte Russlanddeutsche, die dermaßen von den Medien eines lupenreinen Demokraten mißbraucht wird, dass ich mich manchmal frage, ob Berlin die neue Krim werden soll.

Isabella Schoppenroth hat am Kölner Hauptbahnhof Silvester gefeiert, so dass man am Stammtisch und bei Familienfeiern endlich wieder sagen kann, „Wir müssen doch unsere Frauen schützen“, und das, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden. Dank Isabella Schoppenroth sind Frauen endlich wieder unsere Frauen, definiert durch ein besitzanzeigendes Fürwort, und das völlig ironiefrei.

Am 7. Januar diesen Jahres waren die drei meistgelesenen Artikel bei Spiegel Online „Interner Polizeibericht zu Kölner Silvesternacht“, „Sexuelle Belästigung“ und „Dakota Johnsons Kleiderpanne bei Preisgala“, oder, um das neue Sexistische Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom zusammenzufassen, „die Sandneger vergewaltigen unsere Frauen, da müsssen wir – oh, Titten!“

Isabella Schoppenroth geistert durch die Facebook- und Twitter-Accounts der Bürgerwehren, patriotischen Europäer und Alternativen für Deutschland wie Helena durch die Illias. Das Gesicht, das nicht tausend Schiffe bewegte, aber 2015 über tausend Anschläge auf Asylbewerberheime verursachte, ohne dass irgendjemand daran erinnern kann, wie sie eigentlich aussieht, oder sich nach dem Krieg dafür interessiert, was aus ihr geworden ist.

Isabella Schoppenroth servierte, bevor sie in Köln war, Horst Seehofer auf dem Oktoberfest Bier und musste sich tief ins Dirndl blicken lassen, damit dieser einen Rechtsstaat bekommt, der, Zitat, „Biss hat, der Zähne hat“. Und ich frage sich, ob er den gleichen Rechtsstaat meint, dem er 1997 nicht erlauben wollte, Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand anzuerkennen.

Isabella Schoppenroth ist Ophelia, mißbraucht von ihren Vater, benutzt von Hamlet, instrumentalisiert von dessen Mutter und seinem Onkel, unehelich schwanger in ein nasses Grab getrieben, damit ihr Bruder Laertes einen Grund hat, Rache zu üben an allen, für die sie schon vor ihrem Tod Requisit und nicht Mensch war.

Isabella Schoppenroth ist eine Figur, die ihren Zweck erfüllt hat, sie hat Nick Tschiller eine Tochter ausgetragen, sie gestillt, aber nach der Pubertät sind Mütter ja irgendwie nutzlos, also kann sie Nick Tschiller als seine Ex-Frau nochmal ein paar elementare Botschaften mitgeben – beschütze deine Tochter mit Gewalt, Ex-Frauen warten geduldig darauf, dass ihre Ex-Männer sie küssen – und dann bitte verschwinden. Und wie ein Reitpferd nach dem Gnadenschuss, aus dem sich immerhin noch Seife herstellen lässt, darf sie ein allerletztes Mal nützlich sein, bevor sie nie wieder erwähnt wird.

Isabella Schoppenroth ist auch in diesem Text Mittel zum Zweck. Sie muss einstehen für die viel zu hohe Zahl an Gewaltopfern, die ich kenne, für Menschen, die benutzt worden sind, für Menschen, die ich liebe; für Menschen, die alle nicht hier auf der Bühne erschossen werden müssen, damit ich wütend bin.

Isabella Schoppenroth ist tot, und in ihrem Tod lautet die perfide Botschaft, dass wir Barbaren sein dürfen, wenn wir nur persönlich genug betroffen sind, daß die Regeln nicht mehr gelten, wenn wir wütend genug sind oder Angst genug haben. Dann darf Nick Tschiller zur Panzerfaust greifen und Kurden wie Russen vermöbeln, dann dürfen wir Grenzen dicht machen und Handgranaten auf Asylbewerberheime werfen.

Isabella Schoppenroth ist tot, weil ihr Mann ein unzivilisiertes Arschloch war und ein anderes unzivilisiertes Arschloch sie erschossen hat, und unzivilisierte Arschlöcher gibt es immer noch viel zu viele. Tun wir Isabella Schoppenroth wenigstens einen Gefallen – lassen wir sie nicht auch noch als Ausrede dienen, wieder unzivilisierte Arschlöcher sein zu dürfen.

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