Ich habe drei Probleme. Um ehrlich zu sein, habe ich sogar mehr als drei, aber als Bühnenautor habe ich genau drei, zumindest der Teil meines Bühnenautorendaseins, der kabarettistische und satirische Texte schreibt, und der Teil ist ziemlich groß.

Problem Nummer eins nennt sich Poe’s Law. Das hat nichts mit Edgar Allen Poe zu tun, auch wenn das besser auf eine Lesebühne passen würde, sondern mit einem mittlerweile elf Jahre alten Post in einem Internetforum, das da sagte:

„It is utterly impossible to parody a Creationist in such a way that someone won’t mistake for the genuine article.“ Zu deutsch: Es gibt keine Möglichkeit, Kreationisten zu parodieren, ohne irgendjemanden zu finden, der das, was man sagt, für bare Münze hält.

Und das stimmt. Es ist heutzutage nahezu unmöglich, Satire zu betreiben oder sich über Extremismus lustig zu machen, ohne dass es Idiotinnen und Idioten gibt, die glauben, man meine das alles ernst. In einem Moment stellt man sich auf die Bühne und wünscht sich, dass es Nazis als Kuscheltiere gäbe, und drei Tage später kann man sich bei Amazon einen Plüsch-Lutz-Bachmann kaufen.

Problem Nummer zwei hat leider keinen schmissigen Namen, auch wenn viele Menschen es dem Phänomen linker Selbstzerfleischung zuordnen würden: Die schlimmsten Idiotinnen und Idioten sind manchmal nicht die, gegen die man eingestellt ist, sondern diejenigen, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen sollten wie man selbst: In einem Moment stellt man sich auf die Bühne und trägt einen Text über die grammatischen Probleme des Genderns vor, und keine 24 Stunden später stellt man fest, dass Menschen aus dem Asta der Humboldt-Universität anwesend waren. Wie man das feststellt: Man hat eine anonym versandte E-Mail erhalten, die folgendermassen lautet:

„Der verzeifelte Versuch des AutoriX, patriarchale Strukturen durch Mansplaining und White Knighting aufrecht zu erhalten, offenbart in seinen für heterosexuelle Cis-Männer typischen Mikroaggressionen ebene jene heteronormativen Dicta, die für die Auswüchse des postkolonialen Finanzimperialismus, die Unterdrückung von People of Color und die Gewaltherrschaft über nicht konventionellen Genderklassifikationen genügenden MenschiX in Verantwortung zu ziehen sind.“

Und dann sitzt man da und fragt sich, ob man vielleicht besser in Zukunft zu allem schweigen sollte, oder, wenn man einen besonders schlechten Tag hat, ob es vielleicht besser wäre, sich vor lauter Schuldgefühlen selber zu kastrieren, die Haut schwarz zu färben und sich von einem amerikanischen Polizisten erschießen zu lassen.

Problem Nummer drei ist der Gegenstand des Schaffens an sich: Die moderne Welt. Oder zumindest die Welt an sich, das Problem ist nicht so neu, dass sich nicht schon William Butler Yeats damit auseinandergesetzt hätte:

„Die Welt zerfällt, die Mitte hält nicht mehr, […] die Besten sind des Zweifels voll, die Ärgsten sind von der Kraft der Leidenschaft erfüllt.“

So sieht’s aus. Wir haben Twilight statt Harry Potter, Till Schweiger statt Götz George, Brexit statt Terry Pratchett und Frauke statt Wolfgang Petri, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nicht ein Fortschritt ist, zumindest aus der Perspektive eines heterosexuellen Cis-Manness.

Wir haben Islamismus statt Islam, Populismus statt vox populi, die schwarze Null auf zwei Rädern statt des Nichtnullsummenspiels der Solidarität, und wir haben Beate Zschäpe statt Ulrike Meinhoff, was eindeutig kein Fortschritt aus der Perspektive eines heterosexuellen Cis-Mannes ist.

Es ist still geworden in der unideologischen Mitte, dort wo man nicht alle Lösungen in der kommentierten Neuauflage von Mein Kampf oder der leider immer noch unkommentierten Originalausgabe des alten Testaments findet. Die Besten sind des Zweifels voll, und das ist gut, weil sie nicht an einfache Antworten glauben.

Nur leider sind die Ärgsten von Leidenschaft erfüllt und glauben ihre Antworten zu haben und ihre Schuldigen zu kennen: Die, die nicht so sind wie sie, ob die nun „die da oben“ oder „die Ungläubigen“ oder die sind, die nicht von hier sind. Dick sind sie geworden, die ideologischen Ränder, und dünn die Luft, eng der Raum, in dem man noch im Zweifeln kein Angeklagter ist.

Und hier schließt sich ein wenig der Kreis zu Poe’s Law, denn mich beschleicht manchmal das Gefühl, an den Rändern sind sie alle der Satire auf den Leim gegangen. Um das mal mit aller Deutlichkeit zu sagen: 1984 ist kein Handbuch für sichere, stabile Staaten. Das europäische Klischee vom der dummen amerikanischen Kapitalistensau ist keine notwendige Bedingung für einen Präsidentschaftskanditaten. Ein Putschversuch ist kein Anlass, eine Diktatur einzurichten. Die Angst davor, dass der Russe kommt, ist kein Grund, in andere Länder einzumarschieren. Actionfilme aus den Achtzigern sind keine Inspiration für einen Tatort im Jahr 2016. Barbie ist kein Musterbeispiel einer attraktiven Figur. Schlechte Karrikaturen über mordende Islamisten sind keine bebilderten Bedienungsanleitungen. Dieter Bohlen ist keine vertrauenswürdige Instanz zur Beurteilung der Qualität von Musik. Dass niemand mehr in Brandenburg leben will ist kein Anlass zur Fremdenfeindlichkeit. Menschen, die Videos bei Youporn posten, sind keine Vorbilder für sexuelle Beziehungen. Die Möglichkeit zur weltweiten Kommunikation in Echtzeit ist kein Zwang, zu allem seinen Senf abzugeben. Die Anzahl nackter Menschen auf einer Bühne ist kein Maßstab für ein gutes Theaterstück. Anonymität ist kein Synonym für Menschenverachtung. Die Gedanken sind frei, ja, aber Freiheit ist keine Freiheit von Verantwortung.

Und Satire ist Überzeichung. Eine Aufforderung, innezuhalten und sich zu fragen, wohin das alles führen könnte. Sie ist keine Herausforderung, das alles herbeizuführen. Keine Blondine würde einen Blondinenwitz hören und sich herausgefordert fühlen, dümmer zu werden.

Also, liebe Welt, nimm dir ein Vorbild an Blondinen. Sie sind klüger, als man denkt.

 

02.08.2016

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